Wenn Träume zerplatzen
Bestimmt kennt jeder das Gefühl, wenn seine Träume zerplatzen. Plötzlich stehst du vor einem Scherbenhaufen und weisst weder ein noch aus.
Unser Traum von einer Saison mit dem Circus Lollipop platzte jäh am 26. Januar 2026, exakt fünf Tage vor Arbeitsantritt. Es dauerte ganz schön lange, bis ich das Ausmass der Geschichte realisierte. Nach und nach platzten weitere Träume und Vorhaben. Heute weiss ich, es ist ALLES anders, es wird nie mehr so sein wie es mal war. Wir müssen uns neu erfinden.
Hier nun unsere Geschichte vom letzten halben Jahr.
Es beginnt
Nachdem wir Weihnachten und Neujahr bei Regula in Matzingen verbracht haben, brechen wir am 21. Januar zum Treffpunkt mit Lollipop auf. Wir kommen gut voran und stellen für das Wochenende in Hirsau ab. Am Montag soll es weitergehen. Doch schon beim Frühstück kleckert Markus mit dem Joghurt. Auf der Morgenrunde mit den Hunden beginnen seine Schwierigkeiten beim Sprechen. Seine Sätze bleiben unvollendet.
Also gehen wir zum Arzt, der gleich um die Ecke ist. Dieser überweist Markus nach kurzer Untersuchung ins Krankenhaus Calw. Obwohl die Notaufnahme voll ist, kommen wir rasch dran. Ein paar Untersuchungen, MRI und CT später folgt der Schlag ins Genick: Diagnose Schlaganfall! Sofortige Einweisung auf die Stroke-Abteilung und Beginn mit der Lyse-Therapie (Blutverdünnung).
Calw
Derweil Markus im Krankenhaus Calw liegt, stehe ich mit Oski und den Hunden auf dem Stellplatz in Hirsau. Von den Betreibern habe ich die Erlaubnis, umständehalber länger zu bleiben. Nachmittags fahre ich mit dem Bus zum Krankenhaus. Es dauert zwei Tage bis ich realisiere, dass Markus‘ rechte Seite gelähmt ist. Das Bein kann er ganz leicht heben, der Arm geht gar nicht. Da er kaum sprechen kann, kuscheln wir uns aneinander und geben uns gegenseitig Mut und Kraft.
Panik erfasst mich, als ich merke, das Gas geht aus. Noch nie war ich mit Oski allein unterwegs, Gas habe ich noch nie getankt. Zur Unterstützung schnalle ich das Kopfkissen von Markus auf den Beifahrersitz. Ich kann kaum vom Stellplatz fahren, so sehr zittern meine Knie. Und dann fängt es auch noch an zu schneien… Zwei Stunden später stellen wir in Hirsau wieder ab. Mit vollem Gastank, vollem Kühlschrank und Hundefutter. Geschafft!
Bad Kissingen
Nach zehn Tagen wird Markus ins 135 km entfernte Bad Kissingen zur Frühreha verlegt. Tägliche Therapien zeigen Wirkung, schon bald kann Markus alleine vom Bett in den Rollstuhl.
Eine halbe Stunde Fussmarsch von der Klinik entfernt ist ein Stellplatz. Jeden Tag gehe ich zu Markus, wir spazieren mit dem Rollstuhl durch die Gänge und freuen uns, dass es vorwärts geht.
Die Versicherung bezahlt drei Wochen Reha. Eine Verlängerung können wir uns nicht leisten, ein Tag kostet hier über 1000 €. Damit ist klar: Markus MUSS auf die Beine kommen, in Oski einsteigen und sich darin bewegen können. Dafür arbeitet er jeden Tag hart.
Regula startet inzwischen einen Spendenaufruf. Mehr als 1000 CHF kommen zusammen für die spätere ambulante Reha. Vielen herzlichen Dank!
Am 24. Februar kann ich Markus aus der Klinik abholen. Es kostet uns einige Mühe einzusteigen, aber es klappt. Endlich wieder zusammen!
Matzingen – Frauenfeld
Nach einem Ruhetag in Bad Kissingen geht es los. Der Plan ist, nach Matzingen zu fahren und von dort aus in die ambulante Reha. Eine entsprechende Praxis habe ich gefunden, Physiotherapie und Logopädie am selben Ort.
Auf dem Weg machen wir einen Zwischenhalt bei Heidi. Sie hat einen Rollator für uns.
Am 7. März kommen wir bei Regula an. Die Gemeinde ist sehr kulant, wir dürfen hier stehen ohne uns anmelden zu müssen.
Doch wieder kommt es anders. Am 15. März erleidet Markus einen zweiten Schlaganfall. Mit der Ambulanz wird er ins Kantonsspital Frauenfeld eingeliefert, Stroke-Abteilung, ein fürchterliches Déjà vu. Zum Glück kommen keine weiteren Beeinträchtigungen dazu. Aber die Stenose-Operation (die Halsschlagader ist 80% zu) ist unumgänglich. Der Eingriff verläuft ohne Komplikationen. Das einzig Gute daran: Markus kann nochmal drei Wochen in Reha.
Allensbach
Es dauert eine ganze Weile, doch endlich Mitte Mai habe ich einen Reha-Platz in Allensbach gefunden. Vom Stellplatz direkt am Bodensee bis zur Klinik ist es eine gute halbe Stunde zu Fuss. Heiss ist es geworden. So gehe nach der morgendlichen Runde mit den Hunden zu Markus. Zwischen den Therapie-Einheiten gehen wir spazieren und zu Kaffee mit Kuchen in die Cafeteria. Vor dem Hitzehöhepunkt am Nachmittag bin ich wieder bei den Hunden.
Markus macht grosse Fortschritte. Eine empfohlene Verlängerung, die wir uns hier sogar leisten könnten, lehnt er jedoch strikte ab. Und nachdem wir schon am ersten Tag einen Riesenstreit hatten, weil ich ihn nicht gleich wieder mitgenommen habe, lassen wir es. Auch diese drei Wochen haben viel gebracht.
Wieder Matzingen
Ein halbes Jahr ist seither vergangen. Wir stehen in Matzingen, besuchen wöchentlich die ambulante Reha und Markus ist täglich am trainieren. Die Fortschritte sind langsam, aber deutlich vorhanden.
Jeden Morgen geht er am Stock spazieren, während ich mit den Hunden unterwegs bin. Mit dem Rollator schafft er schon richtig lange Strecken. Den rechten Arm kann er etwas bewegen, allein die Hand will noch gar nicht. Das Sprechen wird besser, auch wenn noch allerlei „Dings“ dabei sind.
Unsere Träume sind zerplatzt…aber das schafft doch auch Raum für Neue…





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