

Die Unterfahrt
…reicht mir dieses Papier. Die ganze Spannung ist auf einmal weg. Tränen der Erleichterung schiessen in meine Augen, Markus schaut mich gross an, nimmt mich in die Arme und hält mich ganz fest. Der Rest ist ein Klacks. Einchecken, Passkontrolle französische Seite, auf der englischen Seite nochmal (warum, wozu, wie lange sind Sie im Land), Gaskontrolle (die Flaschen werden zugedreht) und ab auf den Zug. Niemand will wissen, ob und was wir dabei haben, keiner wirft auch nur einen Blick in Oski rein. So macht es schwupps und wir sind im Zug, es bleibt keine Zeit mehr für nervös, noch nicht einmal für den Schnaps reicht es. Brauche ich auch gar nicht, es ist schön hell im „Abteil“, beinahe merken wir die Abfahrt nicht, die Unterfahrt beginnt.


Ankunft in England
Eine gute halbe Stunde später kommen wir in Folkstone an. Da wir einen früheren Zug gekriegt haben ist die Ankunft in England eine Stunde vor eigentlicher Abfahrt. Das hat natürlich auch mit der Zeitverschiebung zu tun, hier in GB ist eine Stunde früher als „drüben“. Runter vom Zug, raus aus dem Areal und wir sind auf der Strasse. Linksverkehr! Alles verkehrt. Vorsichtig und langsam geht es bis Canterbury, wo wir auf dem Stellplatz beim P&R abstellen. Nur ein paar Meilen, überall sind noch Schilder „Links fahren“, aber ganz schön anstrengend trotzdem. Vor allem für Markus, er fährt, doch auch ich ziehe mein rechtes Bein an, damit wir am Gegenverkehr besser vorbei kommen.



Akklimatisieren nach der Ankunft
Den ersten Tag bleiben wir in Canterbury, nehmen den Bus, sehen uns die Stadt an, versuchen uns an das „Verkehrte“ zu gewöhnen. Auch als Fussgänger ist das nicht ganz einfach, automatisch schaut man falsch.
Nach einer ersten Runde der Ostküste entlang landen wir bereits 3 Tage später wieder in Canterbury. Inzwischen haben wir uns etwas akklimatisiert, die Kleber für die Lichter gefunden und einen Strassenatlas erstanden. Die ersten Tage haben uns allerdings schon sehr ernüchtert. Stellplätze sind privat und teuer, Parkplätze wo man übernachten darf sind selten oder bei Pubs, wo man dann jeweils essen muss. Die Campingplätze sind vorwiegend Clubs, die meisten wollen nur Mitglieder. Vor allem Entsorgen ist nicht einfach.


Seifenblasen platzen
London umfahren wir grosszügig. Zum einen wegen der Grösse, zum anderen haben wir die Illusion, nördlich der Hauptstadt würde alles besser. Doch die Seifenblasen platzen reihenweise. Es scheint uns eine Mischung aus Italien (keine StP, schlechte Strassen) und Norwegen (Tabak unbezahlbar) zu sein und das erst noch mit links. Nach einer Woche schaut Markus, wie weit es bis Folkstone ist, schon spielt er mit dem Gedanken umzudrehen. Doch wir entscheiden, wenn wir schon da sind gehen wir bis Schottland hoch. Viele einheimische Wohnmobilisten sagen, es sei besser dort. Allerdings nagt es schon ein bisschen, wird der grosse Traum von United Kingdom zum Alptraum?


Die schönen Dinge
Es gibt natürlich auch die schönen Dinge. Die Landschaft ist zunehmend hügelig, wild-romantisch, hauptsächlich grün. Teilweise richtig surrealistisch mit den Farben, Formen, Weiten. Die Ostküste mit den Klippen ist herrlich zum Wandern und Schauen. Wir fahren über die Humber-Bridge, die 17 Jahre lang die längste Hängebrücke der Welt war, stehen an unserem Hochzeitstag an einem Plain-Spot der Royal Air Force mit Flugbetrieb, überqueren die Ebbestrasse zur Holy Island. Sogar einen Adapter für das LPG finden wir nach drei Nerven aufreibenden Tagen des Suchens. Nach drei Wochen sind wir Zigaretten-frei (Dampfmaschinen begleiten uns) und in Schottland angekommen.



Erste Bilanz in England
Nach bald vier Wochen auf der Insel ziehen wir eine erste Bilanz. Fünf Monate sind wahrscheinlich sehr gewagt. Man soll nie etwas überstürzen, wir halten uns einfach alle Optionen offen. Es ist gut, dass wir hier sind und es ist gut, dass wir noch nicht aufgeben. Ein grosser, lange gehegter Traum ist nun Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hält sich nicht immer an die Träume. Jedoch ist machen besser, als davon zu träumen.



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